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Arbeitskraft – mein größtes Vermögen?

Liebe Arbeitskraft,

kürzlich wurde ich mit einer unangenehmen Frage konfrontiert, deren Beantwortung sicher auch in deinem Interesse liegt. Da ich zumindest vermute, dass ich dir zu Dank und Demut verpflichtet bin, beschloss ich umgehend, dass in dieser Angelegenheit eine schriftliche Auseinandersetzung vonnöten sei und widme dir darum diese Zeilen. Aber eins nach dem anderen.

Es war nämlich so: Ich stand an diesem Schalter in der Bank und wartete. Hin und wieder muss man ja selbst heute noch in eine dieser Filialen gehen. Ich wartete also und stand in der Schlange dort, während mein Blick von einer matt blauen – Biederkeit und Seriosität ausstrahlenden – Karte angezogen wurde. Auf dieser war in dunkelblauer Schrift geschrieben:

Ist Ihr Auto besser versichert als Ihre Arbeitskraft? Vergleichen Sie selbst!

Etwas irritiert las ich die Inschrift erneut und wunderte mich darüber, was diese Dinge miteinander gemein haben. Wie könnte man mein Auto mit meiner Arbeitskraft vergleichen?

Bis es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen fiel: Du meine Arbeitskraft, bist viel wertvoller als mein Auto. Genaugenommen bist du – zumindest aus Sicht derer, in deren Interesse ich beschäftigt werde – das Wertvollste, das ich habe.

Doch über diesem – geradezu meinem größten – Vermögen liegt ein dunkler Schatten, eine katastrophale Bedrohung.

Was, oh Arbeitskraft, würde nur aus mir werden, wenn ich dich nicht mehr hätte?

Wie sollte ich um Himmels willen ohne feste Erwerbstätigkeit noch meine anderen Reichtümer genießen können?

Meine Villen, Autos und Rennpferde könnten mich dann wohl nicht mehr glücklich machen. Als nutzloses Mitglied von der Gesellschaft verstoßen, würde ich weder Champagner noch Kaviar länger ertragen können und deprimiert am Sinn meiner Existenz zweifeln. Ich könnte mich nicht an meinem Besitz erheitern und bei keiner Aktivität vergnügen. Mein Leben wäre trist und grau.

Wenn ich über meinen Körper und Geist, meine Zeit und meinen Lebenslauf frei verfügen könnte – woher sollte ich wissen, wie ich mich verhalten soll?

Niemand würde meine Talente mehr im Lichte ihrer Verwertbarkeit beurteilen. Niemand würde meine Bedeutung und meinen Wert aus der Nützlichkeit meiner Fähigkeiten errechnen. Ich wäre nicht mehr zu maximaler Effizienz angehalten und dürfte mich nicht vor Vorgesetzten erniedrigen. Wie wenig Grund bliebe mir zu Lügen.

Ich wäre einzigartig und unersetzbar.

Liebe Arbeitskraft, ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, aber unter diesen Umständen kann ich nur zu einem Schluss kommen: Wie arm wäre ich, wenn du mein größtes Vermögen wärst! Man sagt, einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche fassen. Doch verfügt der Nackte angeblich über das größte aller Vermögen: Arbeitskraft – der blanke Hohn!

Körper und Geist – so nannte man Arbeitskraft in humaneren Zeiten – sind das Einzige worüber ein nackter Mensch noch verfügt. Und diese Beiden sind im Gegensatz zu jeglicher Form von weltlichem Besitz keinesfalls mit sich selbst zufrieden, sondern stellen permanent Forderungen: Der Körper will essen, schlafen oder Sex. Der Geist schreit unentwegt nach Herausforderungen und Neuem.

Gut für die (Verkaufs-) Interessen Dritter – so ein Vermögen, das nie genug hat.

Und damit man seine Fähigkeit zu konsumieren, zu fressen und zu kaufen, nicht verliere, ist man angehalten dieses nimmersatte Anti-Vermögen auch noch zu versichern. Auf dass sich die Welt so weiterdrehe wie bisher, bezahle für die Aufrechterhaltung der Erniedrigung.

Nein, Danke!

Der erste Schritt um diesen Kreislauf zu durchbrechen, besteht in der Einsicht, dass die Selbsterhaltung durch Arbeit kein Vermögen darstellt sondern Zwang ist. Da die Arbeitskraft stets verbraucht, was sie erschafft, führt sie niemals zu Besitz und Reichtum – dies gilt für körperliche wie für geistige Arbeit. Auch der Kopf braucht Nahrung.

Ich bin dafür,

  1. dass wir nicht mehr von Arbeitskraft reden sondern vom Zwang zur Selbsterhaltung,
  2. dass wir in erzwungener Arbeit nicht Vermögen sondern Armut sehen und
  3. dass wir Tätigkeiten, die nicht der Sicherung des Lebensunterhalts dienen, nicht Arbeit nennen.

Liebe Arbeitskraft,

Liebe Fähigkeiten und Talente, ich hoffe, das ist in eurem Sinne.

Es grüßt, Julia Wähnert

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5 Comments

  1. Liebe Julia Wähnert,

    gerne akzeptieren wir deinen Vorschlag. Was aber, wenn du mal mit der Ausübung unserer selbst (die wir ja augenscheinlich nicht zu unterschätzen sind, das muss mal gesagt werden!) deinen Lebensunterhalt verdienst? Sicherst du dann deinen Lebensunterhalt mit Arbeit? Oder mit Tätigkeiten, die nicht der Sicherung des Lebensunterhalts dienen, ihn aber – sozusagen als Nebenprodukt – dennoch sichern? Übst du dann einen Beruf aus? Oder wie?

    Leicht verwirrt, aber frohgemut,
    deine Talente und Fähigkeiten

  2. P.S.: Wir haben mit deiner Arbeitskraft gesprochen – immerhin sind wir ja sozusagen Team-Kollegen.
    Sie ist ein bisschen traurig über deinen Schritt, fand die Karte in der Bank aber genauso doof wie du und lässt dir ausrichten, du sollst dir keine Sorgen machen und sie wird dir einfach im Stillen weiter unter die Arme greifen.

    In diesem Sinne!
    die Obigen

  3. Alles, was man nur deswegen tut, weil man seine Miete oder ähnliche Ausgaben bezahlen muss, ist Arbeit – ganz gleich, ob es sich dabei um körperliche oder geistige, stupide oder erfüllende Tätigkeiten handelt.
    Es gibt einen einfachen Test: Würde man die Tätigkeit/Aufgabe/das Projekt auch dann tun, wenn die Miete bezahlt wäre? Wenn nicht, dann handelt es sich eindeutig um Arbeit – Man ist gezwungen es zu tun.
    Arbeit ist wichtig und notwendige Voraussetzung für das (Über-)Leben eines jeden Einzelnen. Aber gerade darum kann sie nicht Sinn oder Erfüllung sein. Wie sagte Brecht so schön? „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“

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