Moin, ihr Seiten. Es ist soweit: Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer Schritt für mich. Miss Picky will keine Foodbloggerin mehr sein.

Über ein Jahr lang habe ich bereits täglich Morgenseiten verfasst und nie hat ein menschliches Auge sie entdeckt. Mein Perfektionismus hat mich daran gehindert, sie der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Ich habe im Zeitraum eines Jahres ein geheimes Blog mit 836 Artikeln erstellt. Damit ist jetzt Schluss. Ich gehe an die Öffentlichkeit.

Ob es nun irgendjemand liest, was ich mir hier zusammenwurstele, ist mir eigentlich egal. Ich schreibe das in erster Linie für mich. Es macht mir Spaß mir durchzulesen, was ich an früheren Tagen geschrieben habe. Da ich aber denke, dass mein Geschreibsel durch die viele freie Übung so gut geworden ist, dass auch andere Freude daran haben könnten, habe ich mich zu diesem Schritt entschieden und werde das literarische Genre des Tagebuchs wieder zu neuem Leben erwecken.

Denn das waren Blogs doch ursprünglich: Tagebücher, in denen man seine Gedanken und Erfahrungen austauschen konnte. Aber mittlerweile werden alle Blogger darauf getrimmt, dass sie etwas verkaufen müssen und das ist doch schade. Ich habe einfach keine Lust anderen Menschen zu Diensten zu sein und meine Erfahrungen nur dafür zu nutzen, Anfängern zu helfen.

Die ganzen Amateure und Freizeit-Aktivisten (in den unterschiedlichsten kulturellen Sparten) gehen mir schon lange auf die Nerven. Ich habe mich als Bloggerin versucht, als Tänzerin und als Sängerin – überall sind nur Stümper unterwegs, denen das grundlegendste Wissen fehlt! Und sie schämen sich nicht einmal dafür, dass sie von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Sobald sie auch nur den kleinsten Happen an Wissen aufgesogen haben, geben sie damit an als wären sie King Kong.

Und ich denke, eine Blogosphäre oder ein Ausbildungsmarkt, der sich nur an den Interessen dieser schreienden Hämpflinge orientiert, denen man alles auf dem Silbertablett servieren muss, damit sie überhaupt registrieren, dass sie ja noch gar keine „Experten“ auf ihrem Gebiet sind, ist tot. Gott ist vielleicht nicht tot. Der Coaching-Markt ist es jedoch ganz sicher und ich behaupte steif und fest, dass das die nächste große Blase ist, die platzen wird.

Alle sind heutzutage so kreativ und wollen mit ihrem Hobby erfolgreich sein und es zum Beruf machen. In manchen Sparten gab es vielleicht schon immer die Leute, die einen einzigen Kurs besucht haben und dann ihre eigene Schule gegründet haben. Solche Blender sind verantwortungslos und gefährlich. Was mich am meisten ankotzt, ist dass sie auch gar kein Ehrgefühl haben. Sie behaupten einfach, sie täten etwas „auf hohem Niveau“ und schon scheint es wahr zu sein. Dadurch sind sie den Leuten, die ernsthaft arbeiten und sich bemühen, immer einen Schritt voraus, was die Selbstdarstellung betrifft.

So ein Publikum, das meine unausgegorenen Ideen frisst und anderen als Stein der Weisen verkauft, möchte ich nicht bedienen. Ich möchte auch keine täglichen Anfragen von Idioten, die Hilfe bei den einfachsten Sachen brauchen. Ich bin nicht Mutter Teresa und ich will es nicht sein. Ich möchte einfach nur die Dinge tun, die mir Spaß machen und davon meinen Lebensunterhalt sichern. Das kann nicht zu viel verlangt sein! Es ist eigentlich weniger als das Minimum.

Die „Man muss es nur ein wenig abändern“-Mentalität geht mir unendlich auf die Nerven und regt mich richtig auf. Ich arbeite professionell und ich möchte mit Profis arbeiten und nicht mit Idioten. Darum braucht mein Leben eine grundlegende Änderung und ich beginne damit, meine Schreibübung, mein Morgengebet, meine täglichen Seiten öffentlich zu machen. Macht damit, was ihr wollt. Aber geht mir um Himmels Willen nicht mit dummen Fragen auf die Nerven.

Ich denke Ratgeber-Chatbots sind groß im Kommen. Das ist die nächste Generation der Content-Blogger. Ich hoffe, die Ratgeber-Blogger haben sich schon mal ein neues Standbein gesichert. Vorträge gehen wohl noch. Beim Videomarkt gibt es vielleicht auch noch Platz, aber die Konkurrenz ist schon groß. Der Eventmarkt läuft zur Zeit noch, aber zum Beispiel hier in Berlin gibt es so ein Überangebot an Kursen, Workshops, Motto-Parties, Networking-Events usw. dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch hier gar nichts mehr zu holen ist.

Und dann kommen die Nachmacher aus Buxtenhausen, klauen deinen Beschreibungstext und verkaufen ihn ihrem Provinz-Publikum, das so etwas Innovatives noch nie gehört hat. Ich sitze derweil allein hier, weiß nicht, wie ich meine Miete bezahlen soll und weine.

Scheitern sei nicht mehr möglich heutzutage, las ich kürzlich. Die These konnte mir nur ein müdes Lächeln abringen. Ihr nennt das heutzutage halt anders und ihr macht es vielleicht auch nicht mehr. Außerhalb eurer Filterbubble gibt es das Phänomen aber noch. Umdefiniert wurde es wohl, ändert aber nichts daran, dass es existiert. Misserfolge – wer möchte das schon?

Deswegen ist es so wichtig, hin und wieder einfach mal die Schnauze zu halten und zu hören, was andere Menschen zu sagen haben. Fehlende Streitkultur nennt man das neudeutsch.

Noch kurz etwas zur Ironie des Schicksals: Ich habe einmal einer Freundin einen Rat gegeben. Ich sagte, um ein erfolgreicher Blogger zu werden, genügt es jeden Tag einen Beitrag zu veröffentlichen. Ihr Mann betreibt nun einige Jahre später ein erfolgreiches Technik-Portal. Wir werden sehen, wie weit es mich bringt, meine eigenen Ratschläge zu befolgen.

Tageskarte: Der Hierophant

2 Gedanken zu “Mein neues Leben Vol. 3 | Dienstag, 30. August 2016

  1. Hallo Leila!
    Sehr stark geschrieben dein Text. Triffst es mit vielem genau auf den Punkt.
    Habe deinen Blog zwar nicht so wirklich verfolgt, würde mich aber freuen öfter nun etwas von dir zu lesen. Wünsche dir viel Erfolg auf deinem weiteren Weg weit abseits des Mainstream-Gewurstels vieler Leute, die im Internet vorgeben, wer zu sein und was zu wissen, das allen helfen wird.
    LG Christoph 🙂

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