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Schlagwort: Gesellschaft

Damsell in Distress | Donnerstag, 1. September 2016

Moin, ihr Seiten. Wir haben einen neuen Monat. Er heißt September. Normalerweise habe ich mich immer über neue Monate, neue Wochen und neue Tage gefreut, bieten sie doch immer eine Chance zur Verbesserung. Aber momentan steht mir der Sinn gar nicht nach Freude. Ich möchte kotzen.

Ich habe irgendwie auf das falsche Pferd gesetzt. In den letzten Monaten ist ausnahmslos ALLES, was ich mir vorgenommen habe, schief gegangen. Ich dachte so oft, ich wäre an einem Punkt angekommen, an dem es schlimmer nicht werden kann und es wurde jedesmal noch schlimmer.

Ich habe immer versucht, positiv zu denken und mich nicht unterkriegen zu lassen, aber es hat alles nicht geholfen. Nun bleibt mir nichts anderes übrig, als das zu tun, gegen das ich mich immer gesträubt habe. Ich schlüpfe in die Rolle der hilfsbedürftigen jungen Frau, die alleine nichts auf die Reihe bekommt. Damsell in Distress. Ist es nicht das, was alle wollen?

Tatsächlich muss ich mir nicht mal mehr Mühe geben, um in diese Rolle zu schlüpfen. Ich stecke bereits mitten drin. Unfreiwillig! Bestimmt habe ich durch mein Verhalten dazu beigetragen, dass ich hier gelandet bin – das will ich gar nicht abstreiten.

Ich bin nach wie vor zu stolz einen Hartz IV-Antrag zu stellen. Das mag vielleicht dumm sein… Vielleicht ist es auch ein heldenhafter Akt zivilen Widerstands. Wer weiß das schon heutzutage?

Ich lebe in einer Welt, in der progressiver gesellschaftlicher und politischer Wandel von Fußballspielern, Musikern, Schauspielern und sonstigen Künstlern ausgelöst wird. Ich reibe mir die Augen und frage mich, ob das schon immer so war oder ob das ein neuer Trend ist, der erforscht werden sollte. Trendforschung ist nämlich eines meiner Lieblingshobbies.

Wo sind die Journalisten in diesem Land abgeblieben? Warum schreiben große Pressehäuser darüber, dass Erdogan und Putin sich gestritten haben als wären sie Kindergartenkinder? Benehmen diese erwachsenen Männer sich wirklich wie Kleinkinder oder werden sie nur so portraitiert und was sagt das alles über die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aus, in denen ich lebe?

De facto habe ich in meiner Familie nun schon drei Mitglieder, die in Deutschland nicht wählen dürfen, obwohl sie hier leben, arbeiten und Steuern zahlen. Wenn ich mich auf den Straßen in Berlin umschaue, dann frage ich mich, ob die Gruppe der Nichtwähler und die Gruppe der Menschen ohne Wahlrecht (EU-Bürger, Expats, Migranten, Flüchtlinge etc.) nicht vielleicht schon eine große Koalition bilden könnten.

Wär doch toll, wenn sich neuerdings mal jemand mit ein bisschen Arbeitserfahrung in der heutigen Welt die Gesetze und Rahmenbedingungen ausdenken würde. Dann würde es vielleicht auch nicht Jahrzehnte dauern, bis sich mal irgendwas ändert. Durch die große Konkurrenz und das Überangebot an Bildung sind viele von uns nicht nur verdammt gut geworden, sondern auch verdammt schnell. Die berühmten Künstler sind nur die Spitze des Eisbergs einer neuen intellektuellen Elite, die sich nicht länger für dumm verkaufen lässt.

Sind wir schon Weltbürger genug, um ein staatsbürgerschaftlich-gebundenes Wahlrecht zu reformieren? Oder dürfen wir unsere weltverbessernden Visionen weiterhin ausschließlich über unsere Kaufkraft demonstrieren?

Acht der Stäbe

Zum Volk sprechen | Mittwoch, 31. August 2016

Moin, ihr Seiten. Heute ist der zweite Tag, an dem ich meine Morgenseiten öffentlich mache und ich bin aufgeregt. Lange schon habe ich mir einen Balkon gewünscht, auf dem ich zum Volk sprechen kann – nun habe ich ihn. Ein paar Sachen ändern sich dadurch für mich.

Einfach so drauflos schreiben, möchte ich immer noch. Aber möchte ich auch alle Details meines Lebens teilen, die mich beschäftigen? Selbstzensur heißt das wohl. Wieviel möchte ich von mir preis geben? Was sind Themen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind? Und ist mir das nicht eigentlich egal, was andere Leute von mir denken? Hier liest doch eh kaum jemand mit. Noch muss man vielleicht sagen… Vielleicht auch nicht…

Da kommen auch die perfektionistischen Ansprüche wieder aus ihren Löchern gekrochen, die ich mit dieser Kreativitätstechnik doch eigentlich überwinden wollte. Auch (Selbst-)Zensur ist ein Thema und das alles ist natürlich keine Überraschung. Dies waren ja die Hauptgründe, warum ich meine Morgenseiten so lange heimlich still und leise verfasst habe.

Seitdem ich mich mit philosophischen, kultur- und medienwissenschaftlichen Konzepten von Öffentlichkeit beschäftigt habe, denke ich über diese Themen viel nach. Ich habe aber mittlerweile auch zahlreiche Informationen zum Thema Marketing, PR und sonstige Menschenmanipulation gesammelt und beobachte mit großem Interesse das tägliche Treiben auf facebook.

Eine von allen geteilte öffentliche Sphäre (die sich früher dadurch ergab, dass alle Menschen um 20 Uhr den Fernseher anschalteten und die Nachrichten schauten), gibt es heutzutage einfach nicht mehr. Und das behaupte ich, ohne Statistiken über Einschaltquoten und ähnliches studiert zu haben.

Der öffentliche Raum ist mittlerweile so zersplittert wie die reale Welt. Überall finden wir Gruppen von Menschen, die ihre eigenen kleinen Öffentlichkeiten bilden, in denen zwar prinzipiell alle Beiträge von allen gesehen werden können (und deswegen öffentlich sind), aber faktisch niemals von allen Menschen wahrgenommen werden.

Filterbubbles wurde das Phänoment unter anderem genannt und es hat natürlich Auswirkungen auf gesellschaftliche, politische Diskurse und das Identitäts- und Gemeinschaftsgefühl von Menschen.

Was daraus folgt, kann ich euch hier leider auch nicht sagen. Ich finde es aber sehr schade und frustrierend, dass so viele Blender unterwegs sind und so wenig qualitativ hochwertige Erzeugnisse professionell vermarktet werden. Ich sehe da ein großes Problem.

Dass es gesamt-gesellschaftliche Diskurse überhaupt noch gibt, ist jedoch ein Relikt aus der Zeit, in der es EINE Öffentlichtlichkeit für ALLE gab. Diese Zeiten, meine Freunde, sind allerdings vorbei. Damit müssen wir uns abfinden und wir müssen vor allem lernen damit umzugehen. Jammern, Kritisieren und Fremdschämen nützt nichts.

Zurück also zu meinen Selbst-Zensur-Vorwürfen… Öffentlich, teil-öffentlich oder privat, „für alle“, „für meine Freunde“, „für meine Familie“ oder „nur für mich“ – das sind die Kategorien zwischen denen ich bei jeder Information, die ich von mir preisgebe, wählen kann. Und jedes Mal tritt mein innerer Zensor auf und fragt mich: Willst du das wirklich sagen?

Wenn man realen Menschen gegenüber steht, hat man nicht so viel Zeit darüber nachzudenken, ob das jetzt klug ist, zu sagen, was man sagen möchte. Stattdessen ärgere ich mich dann oft hinterher, dass ich einer bestimmten Person ein privates Detail über mich verraten habe und frage mich, was sie mit diesem exklusiven Insiderwissen anfangen wird. Ich hätte es ihr doch viel besser und gewinnbringender verkaufen können oder auch einfach für mich behalten. So viele Möglichkeiten!

Der Perfektionismus sagt an der Stelle übrigens, dass ich diesen Beitrag auf keinen Fall veröffentlichen darf, da er furchtbar inkonsequent strukturiert ist und gar keinen Mehrwert für meine imaginären Leser bietet. Ich mache es trotzdem.

Tageskarte: Zehn der Schwerter

Leben wir in verschiedenen Welten?

Normalerweise beschwöre ich ja keine Generationenkonflikte und linke auch nicht auf die Artikel sogenannter „Qualitätsmedien“. Bei beidem muss ich heut mal eine Ausnahme machen. Ich geriet nämlich kürzlich an einen ZEIT-Artikel von Anita Blasberg mit dem Titel „Die schon wieder!“, der mich in Gedanken schon eine ganze Weile beschäftigt.

Die Autorin zeichnet darin ein Portrait von unserer gealterten Gesellschaft und auch wenn einige Argumente etwas überspitzt sind, treffen sie doch einen wesentlichen Punkt. Ich zitiere – und setze mich damit einer unsicheren Rechtslage aus, für die übrigens eben jene hier kritisierten Generation verantwortlich ist:

Die Babyboomer sind und waren immer: die Mehrheit. Sie sind es gewohnt, dass das, was sie beschäftigt, auch die ganze Gesellschaft beschäftigt. Jetzt, in ihren besten Jahren, sitzen sie an den Schaltstellen des Landes: Die Kanzlerin ist eine Babyboomerin, genau wie die meisten deutschen Ministerpräsidenten. Die Gruppe der über 48-Jährigen stellt die große Mehrheit der Konzernvorstände sowie die einflussreichsten Publizisten.

Ken FM, Pressefreiheit und Streitlust

Der rbb beendet die Zusammenarbeit mit „KenFM“-Moderator Ken Jebsen. Hierzu bezieht dieser auf den ihm zur Verfügung stehenden Kanälen Stellung:

Man kann hieran sehr gut sehen: Die Pressefreiheit ist auf dem Papier ein schönes Gut. Solange aber der Lebensunterhalt der Pressetreibenden gewährleistet werden muss, sind diese abhängig von Organisationen, deren Strukturen und Stellen. Und wer beißt schon die Hand, die einen füttert?

Dass Ken Jebsen journalistische Qualitätsstandards verletzt hat, ist Quatsch. Dass er verbindliche Vereinbarungen mit dem rbb nicht eingehalten hat, stimmt wohl eher. Es waren seine politischen Beiträge in einer Sonntags-Sendung, die doch eigentlich nur unterhalten sollte, die ihn nun also den Job gekostet haben.

Arbeit 2.0 – Literatur

Die Bachelorarbeit ist fertig und ich kann nun endlich den letzten Teil der Materialsammlung zum Thema Arbeit 2.0 präsentieren. Für alle, die sich also für das Thema Arbeit 2.0 interessieren, sind hier ein paar alphabetisch sortierte Buchtipps.

Zygmunt Bauman:

Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne

Über die Verlierer der Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgeht.

In seinem neuen Buch blickt Zygmunt Bauman hinter die Kulissen unserer globalisierten Gegenwart.

Seine These trifft den Kern der neuzeitlichen Rationalität: Ein Ergebnis von Modernisierungsprozessen besteht in der Exklusion von Menschen aus den sozialen, nationalstaatlichen und kulturellen Zusammenhängen.

Ortlose Migranten, Flüchtlinge und für »überflüssig« gehaltene Menschen – in ihrem Schicksal manifestiert sich die Tatsache, daß die Entwicklung der modernen Gesellschaften in ökonomischer und politischer Hinsicht nicht etwa in der Integration aller besteht.

Frithjof Bergmann:

Neue Arbeit, neue Kultur: Ein Manifest

Berufung statt Beruf!

Wir leiden nicht nur an schwindenden Arbeitsplätzen, sondern vor allem auch an dem, was der Philosoph Hegel „die Armut der Begierde“ nannte. Gemeint ist damit die Unfähigkeit, Wünsche zu äußern und eigene Projekte zu realisieren.

Nicht zuletzt deshalb klammern wir uns an Jobs, die nicht nur unseren Lebensunterhalt, sondern auch unseren Platz in der Gesellschaft sichern – selbst dann, wenn sie unbefriedigend sind. Und wir verzweifeln übermäßig, wenn wir sie verlieren.

Um Abhilfe zu schaffen, müssen wir uns mehr auf das besinnen, was wir „wirklich wirklich wollen“.

Arbeit 2.0 – Links

Dieser Artikel ist Teil der Materialsammlung zum Thema Arbeit 2.0. Ich habe ein paar Artikel zusammengetragen, die sich mit Arbeit 2.0 bzw. Arbeit in der Wissensgesellschaft beschäftigen.

Bayern2 Dossier Arbeit 2.0 – Zwischen Selbstbestimmung und Selbstausbeutung über die Digitale Bohème und deren technische Grundlagen
Inhalt: Ford bestimmte das Arbeitsmodell der Massenproduktion, Zuse den Büromenschen der Dienstleistungsgesellschaft und das Web 2.0 die flexiblen Kreativen.

In der Computerwoche schreibt Alexandra Mesmer über Arbeit 2.0 und die Generation der unter 30-Jährigen, die Arbeit neu definiert: „Sie sind immer online und wollen anders arbeiten: selbständig, ohne Zeitkorsett und Anwesenheitspflicht.“

Bedecke deinen Himmel

Gedicht AbiseiteSchreib nur, schreib.
schreib, was du weißt,
was du gelernt hast.
Denk nicht nach.
es gibt keine Fragen.
nur Antworten;
die du auswendig lernst.

Funktioniere nur, funktioniere.
so wie die um dich herum,
die du jeden Tag siehst.
Namen ohne Herzen,
so wie du leere Hüllen.
Mensch und Alltag
isoliert.

Sprich nur, sprich.
du weißt, was du sagen musst.
ohne, dass jemand befahl.
Deine Meinung ist die der anderen.
du willst dasselbe wie sie.
Schlüsselqualifikation Homogenität
perfektioniert.

Nun wartest du.
auf den Stoß ins kalte Wasser.
pass dich an, Inhaltsloser.
Hunderte warten dich zu ersetzen.
Hunderte deiner Sorte.
Einzigartigkeit wird inhaltslos,
so wie du.

Veröffentlicht im Abiturbuch des Abiturjahrgangs 2007 des F.F. Runge Gymnasiums Oranienburg