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Schlagwort: Öffentlichkeit

Zum Volk sprechen | Mittwoch, 31. August 2016

Moin, ihr Seiten. Heute ist der zweite Tag, an dem ich meine Morgenseiten öffentlich mache und ich bin aufgeregt. Lange schon habe ich mir einen Balkon gewünscht, auf dem ich zum Volk sprechen kann – nun habe ich ihn. Ein paar Sachen ändern sich dadurch für mich.

Einfach so drauflos schreiben, möchte ich immer noch. Aber möchte ich auch alle Details meines Lebens teilen, die mich beschäftigen? Selbstzensur heißt das wohl. Wieviel möchte ich von mir preis geben? Was sind Themen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind? Und ist mir das nicht eigentlich egal, was andere Leute von mir denken? Hier liest doch eh kaum jemand mit. Noch muss man vielleicht sagen… Vielleicht auch nicht…

Da kommen auch die perfektionistischen Ansprüche wieder aus ihren Löchern gekrochen, die ich mit dieser Kreativitätstechnik doch eigentlich überwinden wollte. Auch (Selbst-)Zensur ist ein Thema und das alles ist natürlich keine Überraschung. Dies waren ja die Hauptgründe, warum ich meine Morgenseiten so lange heimlich still und leise verfasst habe.

Seitdem ich mich mit philosophischen, kultur- und medienwissenschaftlichen Konzepten von Öffentlichkeit beschäftigt habe, denke ich über diese Themen viel nach. Ich habe aber mittlerweile auch zahlreiche Informationen zum Thema Marketing, PR und sonstige Menschenmanipulation gesammelt und beobachte mit großem Interesse das tägliche Treiben auf facebook.

Eine von allen geteilte öffentliche Sphäre (die sich früher dadurch ergab, dass alle Menschen um 20 Uhr den Fernseher anschalteten und die Nachrichten schauten), gibt es heutzutage einfach nicht mehr. Und das behaupte ich, ohne Statistiken über Einschaltquoten und ähnliches studiert zu haben.

Der öffentliche Raum ist mittlerweile so zersplittert wie die reale Welt. Überall finden wir Gruppen von Menschen, die ihre eigenen kleinen Öffentlichkeiten bilden, in denen zwar prinzipiell alle Beiträge von allen gesehen werden können (und deswegen öffentlich sind), aber faktisch niemals von allen Menschen wahrgenommen werden.

Filterbubbles wurde das Phänoment unter anderem genannt und es hat natürlich Auswirkungen auf gesellschaftliche, politische Diskurse und das Identitäts- und Gemeinschaftsgefühl von Menschen.

Was daraus folgt, kann ich euch hier leider auch nicht sagen. Ich finde es aber sehr schade und frustrierend, dass so viele Blender unterwegs sind und so wenig qualitativ hochwertige Erzeugnisse professionell vermarktet werden. Ich sehe da ein großes Problem.

Dass es gesamt-gesellschaftliche Diskurse überhaupt noch gibt, ist jedoch ein Relikt aus der Zeit, in der es EINE Öffentlichtlichkeit für ALLE gab. Diese Zeiten, meine Freunde, sind allerdings vorbei. Damit müssen wir uns abfinden und wir müssen vor allem lernen damit umzugehen. Jammern, Kritisieren und Fremdschämen nützt nichts.

Zurück also zu meinen Selbst-Zensur-Vorwürfen… Öffentlich, teil-öffentlich oder privat, „für alle“, „für meine Freunde“, „für meine Familie“ oder „nur für mich“ – das sind die Kategorien zwischen denen ich bei jeder Information, die ich von mir preisgebe, wählen kann. Und jedes Mal tritt mein innerer Zensor auf und fragt mich: Willst du das wirklich sagen?

Wenn man realen Menschen gegenüber steht, hat man nicht so viel Zeit darüber nachzudenken, ob das jetzt klug ist, zu sagen, was man sagen möchte. Stattdessen ärgere ich mich dann oft hinterher, dass ich einer bestimmten Person ein privates Detail über mich verraten habe und frage mich, was sie mit diesem exklusiven Insiderwissen anfangen wird. Ich hätte es ihr doch viel besser und gewinnbringender verkaufen können oder auch einfach für mich behalten. So viele Möglichkeiten!

Der Perfektionismus sagt an der Stelle übrigens, dass ich diesen Beitrag auf keinen Fall veröffentlichen darf, da er furchtbar inkonsequent strukturiert ist und gar keinen Mehrwert für meine imaginären Leser bietet. Ich mache es trotzdem.

Tageskarte: Zehn der Schwerter

Leben wir in verschiedenen Welten?

Normalerweise beschwöre ich ja keine Generationenkonflikte und linke auch nicht auf die Artikel sogenannter „Qualitätsmedien“. Bei beidem muss ich heut mal eine Ausnahme machen. Ich geriet nämlich kürzlich an einen ZEIT-Artikel von Anita Blasberg mit dem Titel „Die schon wieder!“, der mich in Gedanken schon eine ganze Weile beschäftigt.

Die Autorin zeichnet darin ein Portrait von unserer gealterten Gesellschaft und auch wenn einige Argumente etwas überspitzt sind, treffen sie doch einen wesentlichen Punkt. Ich zitiere – und setze mich damit einer unsicheren Rechtslage aus, für die übrigens eben jene hier kritisierten Generation verantwortlich ist:

Die Babyboomer sind und waren immer: die Mehrheit. Sie sind es gewohnt, dass das, was sie beschäftigt, auch die ganze Gesellschaft beschäftigt. Jetzt, in ihren besten Jahren, sitzen sie an den Schaltstellen des Landes: Die Kanzlerin ist eine Babyboomerin, genau wie die meisten deutschen Ministerpräsidenten. Die Gruppe der über 48-Jährigen stellt die große Mehrheit der Konzernvorstände sowie die einflussreichsten Publizisten.

Im Hamsterrad

Ich denke sehr oft, dass ich Müll rede. Das alles, was ich tue und sage falsch ist. Und dumm – vor allem dumm! Ich denke dann, dass ich besser still sein sollte, weil ich nichts beizutragen habe, schon gar nichts wertvolles. Dann versuche ich das umzusetzen und mich zu verstecken, davonzulaufen und vor allem zu schweigen.

Es ist halt manchmal nicht einfach Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexe unter einen Hut zu kriegen. Eigentlich ist das sogar eher selten der Fall.

Ich fürchte mich vor Erwartungen, habe Angst davor perfekt sein zu müssen. Das, was Andere in mir sehen, könnte ein Irrtum sein, eine Täuschung – nicht Ich. Wie könnte ich jemals so sein, wie Andere mich sehen? Unmöglich! Ich kann und will nicht sein, wie ich gesehen werde. Ich will anders sein. Und muss mich daher immer neu erfinden, während ich vor meinem Schatten davon laufe.

Ich möchte nicht jammern. Tatsächlich hasse ich Leute, die jammern. Ich möchte auch eigentlich nichts von mir zeigen: Es könnte Erwartungen wecken und gegen mich verwendet werden. Nur kann man nicht großartig sein, wenn man alles von sich versteckt. Wer könnte es dann wertschätzen? Was nützen einem all die Pseudonyme und die Geheimniskrämerei, wenn am Ende doch immer wieder dasselbe mehr oder weniger weinende/lachende Ich steht?

Generation Gegenwart

Piotr Czerski schreibt in der ZEIT unter dem Titel „Wir, die Netzkinder“ treffend über unsere Generation:

Wir sind mit dem Internet und im Internet aufgewachsen. Darum sind wir anders. Das ist der entscheidende, aus unserer Sicht allerdings überraschende Unterschied: Wir „surfen“ nicht im Internet und das Internet ist für uns kein „Ort“ und kein „virtueller Raum“.

Internet Für uns ist das Internet keine externe Erweiterung unserer Wirklichkeit, sondern ein Teil von ihr: eine unsichtbare, aber jederzeit präsente Schicht, die mit der körperlichen Umgebung verflochten ist.

Ein weiterer – meiner Ansicht nach entscheidender – Unterschied besteht darin, dass wir Netzkinder eine sehr aktive und schöpferische Generation sind. Für uns ist es selbstverständlich alle Möglichkeiten zu haben, unsere Talente zu nutzen, die Realität zu gestalten und mit anderen zu teilen. Einmischen ist hier das Schlagwort.

Internet Access Here SignWir sind keine passiven Fernseh-Empfänger, die eine ihnen präsentierte Wirklichkeit aufnehmen wie ein Schwamm.

Wenn wir etwas wissen oder haben wollen, dann suchen wir danach. Wir warten nicht darauf, dass die Möglichkeiten zu uns kommen, wir ergreifen die Initiative. Wenn wir etwas nicht finden, wenn es etwas nicht gibt, dann erschaffen wir es.

Wir interessieren uns für vielerlei und wir schaffen unsere eigene Öffentlichkeit. Hin und wieder überschneiden sich mehrere dieser Öffentlichkeiten. Dann entstehen neue Impulse und Diskurse. Und die Welt wird wieder ein Stückchen besser.